Wer FCA sagt…

Fußball im Allgemeinen und FC Augsburg im Besonderen

Die Zirbelnuss ist nicht aus Plastik!

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Ich liebe Fußballpodcasts. Ich höre daher eine ganze Reihe von ihnen regelmäßig und finde die meisten ganz fabelhaft. (Wer Inspiration sucht: http://rasenfunk.de/podroll). Doch beim Anhören eines davon (ich sag nicht welcher, es hätte schließlich fast jeder sein können, wer’s wissen mag muss sich wohl durch alle durchhören ;P …) kam ich letztens doch ins Grübeln. Da wurde über die größer werdende Zahl „Plastikclubs“ diskutiert und darüber, was sie mit dem deutschen Fußball machen. Tenor war: „machen unseren Fußball kaputt“. Und völlig aus den Wolken fiel ich, als mein Leib- und Magenverein, der FC Augsburg, als einer dieser Plastikclubs genannt wurde. Hä?????

Ich schicke eines vorweg: Ich erhebe nicht den Anspruch, alles höchst sauber recherchiert zu haben, was ich nun von mir gebe, daher möge man mich eines Besseren belehren, wenn ich irre.

Schon öfter habe ich den Vorwurf gehört, der FCA wäre ja nur so erfolgreich, weil ein reicher Investor ihn groß gemacht hätte. Nun, das ist nicht von der Hand zu weisen: Ohne Walther Seinsch würden wir wohl immer noch irgendwo in der bayerischen Fußballpampa herumdümpeln. Ist der FC Augsburg deswegen ein „Plastikclub“ und zwingend in einen Topf zu werfen mit Hoffenheim, Wolfsburg, Leverkusen, Ingolstadt und Redbull – äh – Rasenball Leipzig?

In meinen Augen: NEIN!!!!

Was macht einen „Plastikclub“ eigentlich aus? Ich bastel mir jetzt mal eine Definition zusammen:

 

  1. Ein Plastikclub hat durch einen Investor einen Riesenhaufen Kohle

 

Hat der FCA einen Riesenhaufen Kohle? Neuerdings ist er natürlich zum Krösus geworden, schließlich konnte Abdul Rahmen Baba für unfassbar viel Geld in die Premier League verkauft werden. Aber davor? Seit dem Aufstieg in die Bundesliga stand Augsburg immer auf den Abstiegsplätzen, wenn man die Tabelle nach Marktwert der Spieler oder dem Etat ordnete. „Riesenhaufen Kohle“ sieht für mich anders aus.

Natürlich verdanken wir den Aufstieg in die oberen Fußballsphären Walther Seinschs Millionen. Doch bereits seit einigen Jahren hat sich Seinsch finanziell aus dem Verein zurückgezogen, zuletzt gab er auch sein Amt als Präsident auf. Seitdem muss der Verein sich selbst tragen, und bisher sieht es aus, als stellten sich die Verantwortlichen dabei nicht völlig dumm an. Sparen kann er halt, der Schwabe.

Und hat Seinsch den FCA in die erste Liga „gekauft“? Kann man irgendwie auch nicht sagen: Als er beim FCA einstieg, wurde er ausgelacht, weil er von einem großen neuen Stadion sprach, und bis man überhaupt mal in die zweite Liga aufgestiegen war, mussten einige sportliche Hürden genommen werden. Mit ordentlich Kohle um einen Messi, einen Lahm und einen Schweinsteiger zu verpflichen, wär’s natürlich schneller gegangen, aber trotz Walthers Millionen wollten die nicht kommen, und Kicker wie Lawarée, Mölzl und Benschneider mussten es richten.

Und auf der anderen Seite ist es ja nicht nur beim FCA und anderen angeblichen „Plastikclubs“ Usus, dass ein reicher Mäzen die eine oder andere Finanzspritze abgibt, um dem Erfolg auf die Sprünge zu helfen – oder, HSV?

2. Der Investor eines Plastikclubs betreibt sein Engangement auch oder ausschließlich zu Marketingzwecken

Wir alle haben uns die Bäuche gehalten, als der DFB RB Leipzig zwang, sein Logo zu ändern, um die „Verwechslungsgefahr“ mit dem Redbull-Logo zu vermeiden. Und wir alle hatten Nackenschmerzen vom Kopfschütteln, als wir das dann zugelassene Logo sahen. Auch die höchst ungelenke Bezeichnung „Rasenball“ für das RB im Vereinsnamen geht uns oft nur mühsam von den Lippen, viel schneller ist „Red Bull Leipzig“ ausgesprochen, und wozu sich eigentlich anstrengen, die Farce ist ja zu offensichtlich. Niemand bei RB Leipzig wird glaubhaft leugnen können, dass der Verein vor allem den Zweck hat, Marketing für die Marke Red Bull zu betreiben. Passenderweise prangt auch unübersehbar das Red Bull Emblem auf den Trikots.

Nicht weniger offensichtlich tragen die Spieler der TSG 1899 Hoffenheim das Logo von SAP auf der Brust, dem Unternehmen von 1899-Papa Dietmar Hopp, und wer in Leverkusen und Wolfsburg die Rechnungen bezahlt, lässt sich ebenfalls leicht an den Leibchen ablesen. So ist überall dort sichergestellt, dass der Glanz des Fußballs auch immer auf die Marke des Investors scheint.

Wie ist das eigentlich in Augsburg? Was steht da auf dem Trikot? Seit der Saison 2015/16 findet man dort das Logo von WWK Versicherungen. Aber macht Walther Seinsch in Versicherungen? Nö. Vorher konnte man auf der Brust von Baier & Co „AL-KO“ lesen, und wer nun an einen Getränkehersteller denkt, der irrt: AL-KO macht Rasenmäher. Aber auch das ist nicht Walthers Business. Nein, Walthers Millionen kommen aus der Textilbranche. Das passt eigentlich ganz gut zu Augsburg, das jahrhundertelang eine Metropole der Textilwirtschaft war – aber weder Takko noch Kik, die Quellen von Seinschs Reichtum, haben etwas mit Augsburg zu tun. Auch nicht mit dem FCA: Man sucht beide Unternehmen vergeblich auf den Trikots oder in der Liste der Sponsoren.

Ums Marketing scheint’s dem Walther also wohl nicht gegangen zu sein, als er beim FCA einstieg…

3. Plastikclubs haben keine Tradition und keine Fans

Ein immer wieder gern zitierter Grund, warum „die Plastikclubs unseren Fußball kaputt machen“, ist die fehlende Tradition und die daraus resultierende fehlende Fankultur und Fans überhaupt. Wer schaut sich schon freiwillig eine Partie FC Augsburg gegen 1899 Hoffenheim an? Völlig uninteressant!

Zum Punkt Tradition in Augsburg sei folgendes gesagt: Ja, der FCA war vor 2011 noch nie in der Fußball Bundesliga. Ähnliches kann man aber über die SpVgg Greuther Fürth sagen (ja, ich weiß, 2012…). Gegründet wurde der FCA, bzw. sein Vorgängerverein, der Fußballclub Allemania Augsburg, am 8. August 1907. Der FCA ist damit nur geringfügig jünger als z.B. der FC Bayern, Schalke 04, oder Mainz 05, und sogar älter als Borussia Dortmund und der FC St. Pauli.

Am Alter kann’s also schonmal nicht liegen, aber das gilt auch für die TSG 1899 Hoffenheim. Tradition entsteht natürlich nicht automatisch, sondern durch Ereignisse und die Menschen, die sie miterleben. Je mehr, desto besser. Hier gebe ich zu, dass dem FCA die Meisterschaften, Pokalsiege und sonstigen Titel fehlen, an die man sich in anderen Fanszenen gern generationenübergreifend zurückerinnert. Auch vom Uropa vererbte Dauerkarten sind selten. Dennoch gibt es die eine oder andere Anekdote aus früheren Glanzzeiten, die Augsburger Großväter zum Besten geben, wenn die Familie zu Weihnachten unterm rot-grün-weißen Weihnachtsbaum sitzt, und mit Uli Biesinger, Helmut Haller, Bernd Schuster und Raimond Aumann hat der FCA durchaus zur deutschen Fußballgeschichte beigetragen. Nicht umsonst durfte Haller in der Aufnahme der Hymne ein paar Sätze in feinstem Augsburgerisch einsprechen.

Was die Fans angeht: so richtig leer ist die heimische Arena ja nun nicht, wenn der FCA spielt, und Dauerkarten für die Stehblöcke sind nicht ganz so einfach zu bekommen. Und als der FCA zum Auswärtsspiel in Dortmund unter der Woche im kalten Februar 2015 nur 1000 Karten bestellte, gab’s Murren bei den reisefreudigen Augsburgern, denn da wären wohl schon noch mehr  mitgefahren.

Und deswegen ist der FCA eben kein „Plastikclub“!

Vielleicht habe ich in meiner Analyse DAS Totschlagargument übersehen, warum der FCA eben doch den Fußball kaputt macht und aus Plastik ist. Dann belehrt mich gern. Aber ein paar Worte möchte ich den Traditionsfans und Bedenkenträgern noch auf den Weg mitgeben:

Der Fußball geht nicht so schnell kaputt. Es geht um 22 Leute, die einem Ball hinterher rennen, und das Konzept macht Groß und Klein, Jung und Alt, Schön und Hässlich, Klug und Doof, Reich und Arm großen Spaß. Und so sehr die großen Vereine die deutsche Fußballkultur geprägt haben, so wenig haben sie den Fußball erfunden. Und im Grunde hat jeder ein Recht darauf, Freude am Fußball zu haben, egal welchem Verein sein Herz gehört. Es kann doch nicht sein, dass nur die „Traditionsvereine“ in den oberen Ligen spielen dürfen, bloß weil sie als erste oben waren – das widerspräche dem sportlichen Grundgedanken der ganzen Angelegenheit.

Was macht denn den Spaß am Fußball aus, wenn man ihn nicht selbst spielt? Das Mitfiebern mit einer Mannschaft, am besten live im Stadion dabei sein, die hemmungslose Freude über gelungene Spielzüge, Tore, Siege, Titel, und das gemeinsame Leiden bei Gegentoren, Niederlagen, Abstiegen und fiesen Schiedsrichterentscheidungen. Das lässt sich bei allen Vereinen erleben – auch bei den sogenannten „Plastikclubs“.

Was wäre denn, wenn nur die Vereine „mitspielen“ dürften, die den „Plastiktest“ bestehen weil sie mindestens x Jahre im Profifußball dabei sind und drölfzigtausend Mitglieder aufweisen können? Klar, die Fans der Platzhirsche wären happy. Aber was wäre in den Gegenden Deutschlands, in denen weit und breit kein Fußball auf höherem Niveau zu sehen ist? Die Leute dort hätten Pech gehabt, müssten lange Wege auf sich nehmen und ihre Loyalität zu ihrem Heimatnest in Fußballfragen beiseite schieben und ihr Fußballherz an den Club hängen, der ihnen aus irgendwelchen anderen Gründen sympathisch ist. Dass sowas geht, beweisen natürlich die unzähligen Bayern-Fans im Norden und HSV-Fans im Süden, aber die meisten Anhänger sind doch vor allem deswegen Fan ihres Vereins, weil der eben da wohnt wo sie auch herkommen.

Und jetzt fragt mal die Menschen im Osten Deutschlands, warum sie nicht einfach FC Bayern Fans oder Schalker werden, wenn die Ostvereine es einfach nicht bringen. Welche Möglichkeiten hat man denn als geradeaus denkender Leipziger, wenn man gern mal schönen Fußball sehen möchte? Dass viele ostdeutsche Vereine ein gewisses bräunliches Problem haben, ist kein Geheimnis, ich kann also jeden Familienpapa verstehen, der seine Kinder ungern zum Heimspiel von Lok Leipzig mitnimmt (ohne jetzt dem Verein zu nahe treten zu wollen, im Detail kenne ich mich da natürlich nicht aus…). So kritisch man das gesamte Konstrukt RB Leipzig sehen darf, muss man doch zugeben: Wirkliche Alternativen im Osten Deutschlands, wenn man nicht sehr aktiv gegen sehr unschöne Dinge in den Fanszenen vorgehen möchte, hat man nicht, wenn’s einfach nur schöner, erfolgreicher Fußball sein soll. Schlimm genug, dass es so weit gekommen ist.

In Augsburg haben wir natürlich kein derart dramatisches Fußballvakuum, aber als eine der ältesten und nicht gerade kleinsten Städte Deutschlands steht es uns trotzdem gut zu Gesicht, auch im Fußball vorne mit dabei zu sein. Natürlich gibt’s erfolgreichen Fußball in München, aber zwischen dem Weltdorf an der Isar und der schönen Fuggerstadt besteht eine jahrhundertelange (älter ist München ja nicht, püh…) Konkurrenz, da hängt der Augsburger ungern sein Fußballherz dran. Viele taten es trotzdem, und die tun sich jetzt mehr oder weniger schwer, wenn die geliebte Heimatstadt gegen die Roten antreten muss. Irgendwie müssen sie jetzt ihre Loyalität aufteilen. Nicht zu beneiden.

Unterm Strich wäre es mir natürlich lieber, der FCA hätte sich nur durch hervorragende Arbeit und sportlichen Erfolg bis nach oben in die Bundesliga gekämpft. Aber ist das heute überhaupt noch möglich? Ich habe das Gefühl, dass so etwas verdammt schwer ist. Und hätte man Walther Seinsch damals 2000 die Tür vor der Nase zuschlagen sollen? Da wären die Augsburger schön blöd gewesen. Ok, man kann bemängeln, dass Walthers Geld aus dem kritikwürdigen Geschäft mit Billigklamotten stammt. Natürlich wäre es schöner, wenn er seine Millionen durch die Rettung süßer Tierbabys verdient hätte, aber so ist’s nunmal nicht. Soll ich deswegen den FCA boykottieren? Das wäre doch etwas übertrieben als Statement gegen die Bekleidungsindustrie.

In diesem Sinne sage ich: Herzlichen Dank, Walther, dass du den FC Augsburg mit finanzieller Unterstützung und deinem Einsatz zu dem gemacht hast, was er heute ist: Ein Erstligist, der nicht mehr automatisch als sicherer Abstiegskandidat gilt, sondern diese Saison sogar international in der Europa League mitspielen darf. Ganz ohne Plastik, dafür mit ganz viel Leidenschaft.

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